Donnerstag, 13. Dezember 2018
Alexander Heim

Für meinen zweiten Versuch, die magische Zweieinhalb-Stunden-Marke im Marathon zu knacken, hatte ich mir den Frankfurt Marathon ausgesucht. Es sollte ein grosser Marathon sein, damit ich nicht wie in Zürich fast die ganze Strecke alleine laufen muss. Dass die Wettervorhersagen genau für dieses Wochenende einen Schlechtwettereinbruch ankündigten, war leider nicht gerade ermutigend. Am Samstag, bei meiner Ankunft in Frankfurt, war es noch gar nicht so schlecht. Startnummer geholt, Pasta-Party, und früh ins Bett. Dank der Zeitumstellung war die Nacht noch eine Stunde länger, und so machte ich mich am Sonntag gut ausgeschlafen auf den Weg zum Start. 
Da fiel bereits auf, dass es, wie angekündigt, ein paar Grad kälter war als am Vortag und vor allem der Wind sehr heftig blies. Die Werbebanner flatterten wild im Wind, und wenn das so blieb, dann würden wir auf der langen Geraden, bevor wir dann ins Ziel einbiegen, kräftigen Gegenwind haben. Optimale Bedingungen sind etwas anderes. Was mir hingegen viel Hoffnung machte, war, dass die deutsche Spitzenläuferin Katharina Heinig im Vorfeld angekündigt hatte, eine Zeit unter 2:30 anzustreben, und dafür zwei Pacemaker engagiert hatte. Das war eine Riesenchance. Ich wollte versuchen, in dieser Gruppe mitzulaufen. Am Start musste ich jedoch feststellen, dass das nicht so einfach werden würde. Aus einem nicht nachvollziehbaren Grund liessen die Organisatoren zwischen der Gruppe der Elite-Läufer und dem ersten Startblock eine Lücke von gut 50 Metern. Und obwohl ich mich fast eine halbe Stunde vor dem Start in den Startblock begab, stand ich nur etwa in der 4. Reihe des Startblocks. Die erste Herausforderung würde also sein, diesen Rückstand erstmal aufzuholen. Der Speaker am Start macht seine Sache gut, er findet die richtigen Worte, um uns angesichts der etwas ungemütlichen Bedingungen aufzumuntern. Und dann geht’s los. Am Start etwas Gedränge, und es dauert etwas, bis ich flüssig laufen kann. 
Den ersten Kilometer passiere ich nach rund 3:50 Minuten. Schon 17 Sekunden hinter dem „Fahrplan“, der einen Kilometer-Schnitt von 3:33 vorsah. Egal. Einfach weiter, und schauen, dass ich an die Gruppe von Katharina Heinig rankomme. Bei Kilometer 4 erreiche ich eine andere Gruppe mit drei Elite-Läuferinnen, die ebenfalls zwei Pacemaker dabei haben. Ich überlege kurz, ob ich eine Weile in dieser Gruppe laufen soll, frage dann den einen Pacemaker, welche Zielzeit sie anstreben. Als er mir 2:33 sagt, entscheide ich sofort, dass ich da nicht bleiben kann und versuchen muss, an die andere Gruppe ranzukommen. Alles oder nichts. Die nächsten 4 km schiebe ich mich dann tatsächlich Meter für Meter an die Gruppe ran. Da sind sicher 30 Läufer drin. Es gibt offenbar noch mehr, die das gleiche Ziel haben. Nach ein paar Schlaufen durch die Innenstadt kommen ab km 10 längere gerade Abschnitte, wo wir etwas Rückenwind haben. Da alle anderen um mich herum die gleiche Geschwindigkeit haben, merke ich kaum, wie schnell wir unterwegs sind. Es läuft fast von selbst und die Kilometertafeln scheinen nur so entgegenzufliegen. Den Halbmarathon passieren wir bei ca. 1:14:30, vielleicht einen Tick schneller als geplant, aber ich habe keine Wahl: Wenn ich nicht in der Gruppe bleibe, kann ich meinen Traum für heute vergessen. Und ich habe das Gefühl, ich kann das Tempo mitgehen. Bei km 24 geht es auf der Schwanheimer Brücke über den Main, die einzige nennenswerte Steigung des ganzen Marathons. Ab etwa km 27 führt der Weg zurück in die Innenstadt, wieder eine lange Gerade, dieses Mal aber mit Gegenwind. Unsere Gruppe fällt langsam auseinander, ein Teil forciert das Tempo, einzelne fallen zurück, aber die Pacemaker von Katharina Heinig bleiben auf 2:30er-Kurs. Jetzt sind wir noch etwa zu zehnt. Das reicht, um immer noch einen guten Windschatten zu haben. Bei km 35 erreichen wir wieder die Innenstadt, aber als ich auf die Zwischenzeit schaue, kriegt mein Optimismus einen deutlichen Dämpfer. Obwohl ich nicht das Gefühl hatte, langsamer geworden zu sein, haben wir doch auf den letzten 10 km den ganzen Vorsprung aufgebraucht, den wir bei der Halbmarathonmarke hatten. Und es sind noch 7 km. Die Pacemaker haben das aber auch gemerkt und treiben Katharina jetzt etwas an. Bei km 36 laufen wir an der Festhalle vorbei, wo wir nachher von der anderen Seite ins Ziel einlaufen werden. Ein bekanntes Gefühl – die Kapelle Malbun lässt grüssen. Nochmal laufen wir einen Teil der Schlaufen durch die Innenstadt, die wir vom Anfang des Rennens kennen. Km 40. Die Uhr zeigt 2:22:20 seit dem Startschuss. Wieder ein paar Sekunden verloren. Jetzt wird es richtig knapp. Einer der Pacemaker steigt aus. Der andere schafft es, Katharina Heinig weiter zu pushen und sie kann auch noch zulegen. Auch ich beisse auf die Zähne, kann aber ihr Tempo jetzt nicht mehr mitgehen. Dann kommt der Bogen, der den Beginn des letzten Kilometers markiert: 2:26:40. Das gibt eine tiefe 2:30er Zeit, geht mir durch den Kopf. Aber dann sind da ja noch die paar Sekunden, die ich später gestartet bin. Vielleicht reicht es ja doch. Jetzt nicht mehr nachdenken, nur noch Gas geben. Am Tor zur Festhalle fällt der Blick auf die Uhr über dem Ziel. Sie zeigt 2:29:57. Katharina Heinig ist gerade eben ins Ziel gelaufen. Für mich sind es noch etwa 60 Meter. Jetzt nicht von der Uhr beirren lassen. Das ist nicht meine Zeit, was sie anzeigt. 14 Sekunden später bin ich im Ziel, und denke mir, dass es wohl knapp nicht gereicht hat. Ich rechne damit, dass ich wohl zwei, drei Sekunden über den magischen 2:30 geblieben bin. Trotzdem eine tolle neue Bestzeit, angesichts der Bedingungen. Erst gut 20 Minuten später, nachdem ich mich verpflegt habe und den Kleidersack mit dem Handy geholt habe, sehe ich das SMS mit meiner offiziellen Zeit: 2:29:59. Dann fliessen die Freudentränen.


Zieleinlauf hinter der schellsten Deutschen, Katharina Heinig

Das Rennen wurde von Kelkile Woldaregay aus Äthiopien in 2:06:37 gewonnen. Der Sechstplatzierte, Mark Kiptoo aus Kenia, verbesserte den Weltrekord für Über-40-Jährige auf 2:07:50. Bei den Frauen fiel der Streckenrekord. Meskerem Assefa Wondimagegn, ebenfalls Äthiopien, gewann in 2:20:36. Mit meiner Zeit habe ich es gerade noch in die Top 100 von 10‘620 Finishern (8316 Männer und 2304 Frauen) geschafft: 82 Männer und 14 Frauen waren vor mir im Ziel.